Ich geh zur Therapie

Ehrlich gesagt habe ich lange nachgedacht, welcher Titel für diesen Beitrag passend ist. Da waren Ideen dabei, die deutlich besser waren, aber ich habe mich ganz bewusst für diesen entschieden. Deshalb, weil er kurz und bündig einfach alles aussagt und endlich damit Schluß sein sollte, dass dieses Thema ein Tabu ist.

Es gibt Menschen, die sich auch heute noch nicht zur Therapie trauen, weil sie Angst haben, dass es jemand mitbekommen könnte und sie dann mit komischen Blicken und dummen Aussagen gestraft werden.

Genau deshalb habe ich mich für diesen Titel entschieden: Ich geh zur Therapie!

Es sollten mehr Menschen zur Therapie gehen

Ganz ehrlich, das ist überhaupt nichts was einem peinlich sein muss. Viel schlimmer finde ich, wenn ihr dringend eine Therapie bräuchtet, es euch aber nicht eingestehen wollt. Oder wenn ihr bei der Sprechanlage einer Therapeutin steht und zweimal links und rechts schaut, damit euch ja keiner hineingehen sieht.

Was bitte ist peinlich daran, sich Unterstützung zu holen von jemandem der Ahnung hat. Meiner Meinung nach sollten überhaupt viel mehr Menschen zur Therapie gehen. In Amerika ist das gang und gäbe. Jeder hat doch schonmal was erlebt, dass er aufarbeiten sollte, hat Süchte die einem das Leben diktieren, Verluste erlitten, Selbstzweifel ohne Ende oder wie in meinem Fall Angstzustände und Panikattacken.

Wir kennen doch sicher alle dieses Zitat bei Forrest Gump „Dumm ist der, der dummes tut“. Ich sehe das eher so „Dumm ist der, der gar nichts tut“. Der gar nichts tut, damit es ihm besser geht.

Natürlich reicht es nicht aus nur zu einer Therapie zu gehen. Vor allem weil die Therapeutenwahl auch nicht gerade leicht ist. Sympathisch muss er sein und kompetent wirken. Immerhin sollt ihr dem Therapeuten Gedanken und Gefühle anvertrauen, die euch vielleicht sogar selbst Angst machen. Wenn ihr in therapeutischen Sitzungen Spaß habt und viel lacht, aber keine nützlichen Tipps erhaltet, dann ist es auch nicht das Richtige. Lachen könnt ihr nämlich auch mit Freunden oder alleine vor dem Fernseher. Das Zuhören und die Ratschläge sind wichtig.

Damit das Ganze aber auch was bringt, solltet ihr die Ratschläge auch umsetzen und Selbstverantwortung übernehmen.

Wir haben es verdient, dass es uns gut geht!
Wir haben es verdient, glücklich zu sein!

Dem Leben selbst sind wir es schuldig, dass wir es so gut wie möglich leben.
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Meine eigene Geschichte

Ich habe mit 16 Jahren Panikattacken bekommen. Das hat mich dann über einige Jahre mal mehr, mal weniger begleitet. Mit ca. 19 oder 20 Jahren hatte ich eine ganz schlimme Phase, in der es mir für ein paar Monate kaum möglich war das Haus zu verlassen. Die Therapeutin die ich zuvor hatte, war nämlich nur unterhaltsam und teuer, aber leider nicht nützlich. Was mir möglich war, waren 200 bis 300 Meter die ich mich von meiner Wohnung unter großer Anspannung entfernen konnte. Das Einzige, dass so nah war, waren die Apotheke in der ich mir meine Erste Hilfe Bachblüten geholt habe und eine Energetikerin um die Ecke, bei der ich einmal pro Woche zur Reiki Behandlung war. Diese Energetikerin hat mir zugehört, mich aufgebaut und mit dem Reiki so entspannt, dass ich danach immer ein bisschen weiter weggegangen bin. Die Woche darauf war es noch weiter und immer weiter, bis es plötzlich kein Problem mehr war.

Meinen Freunden habe ich damals nichts davon erzählt und auch meinen Verwandten nicht. Vor 17 Jahren war das noch weniger Thema als Heute.

Danach verlief mein Leben eigentlich so, dass ich mal mehr unterwegs war und das richtig genießen konnte und mal weniger, weil ich mich von Angst und Panik wieder hatte abhalten lassen.

Immerhin habe ich dadurch gelernt mich an den Kleinigkeiten zu erfreuen. Wahrscheinlich bin ich gerade deshalb von den einfachen Dingen so fasziniert. Wie etwa vorgestern, als es geschneit hat. Eigentlich wollte ich nur das Fenster schließen und habe dabei die großen Schneeflocken entdeckt. Keine zwei Minuten später bin ich in voller Montur (Haube, Mantel, Schal, Boots) spazieren gegangen. Es war schon dunkel und kaum jemand auf der Straße. Aber durch das Licht der Straßenlaternen glitzerte und funkelte der Schnee wie in einem Märchen. Das war wirklich bezaubernd und an so etwas kann ich mich so extrem erfreuen.

Auch habe ich mich wegen der Panikattacken dazu entschieden, dass ich mich selbstständig mache. Mit einem Beruf, den man vorwiegend Zuhause ausüben kann. Als Texterin brauch ich schließlich nur meinen Laptop oder manchmal reicht auch Block und Stift. Zudem habe ich als Kind schon immer gesagt, dass ich mal Texterin, Autorin oä. werden möchte. Zu einer Therapeutin bin ich über ein Jahrzehnt nicht gegangen, weil ich damit schlechte Erfahrungen hatte. In meinem Kopf war es so abgespeichert: Bringt nichts, kostet aber viel!

Dann kam dieses Jahr einiges zusammen und mein Trauma, dass ich so schön ins Unterbewusstsein gedrängt hatte, überrollte mich mit voller Wucht. Panikattacken ware kein Teil von mir, vielmehr war ich eine einzige wandelnde Panikattacke.

Ich fing wieder mit dem Walken und mit Yoga an. Intensiver als je zuvor, vor allem aber konsequenter. Und dann fand ich meine Therapeutin. Sie hilft, sie motiviert!
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Was ich bisher gelernt habe

Auch jetzt habe ich noch Angstzustände und Panikattacken, aber ich sehe trotzdem positiv in die Zukunft. Habe gelernt und lerne es immer noch, was Selbstfürsorge, Selbstbewusstsein, Selbstliebe, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen und Selbstverantwortung w i r k l i c h bedeuten. Vor allem habe ich aber eines getan, mich endlich davon verabschiedet diesen Teil meines Lebens wie ein dunkles Geheimnis mit mir herum zu schleppen. Ich rede mit Freunden und Verwandten darüber und schließlich auch mit euch. Das schlimmste ist nämlich, dass man glaubt mit seinen extravaganten Ängsten alleine dazustehen. So ist es aber nicht!

Ich gehe jetzt offen mit dem Thema um und das ist befreiend. Bisher hatte ich auch nicht ein unangebrachtes oder unangenehmes Feedback. Viel eher ist es so, dass ich überrascht bin, wieviele Leute in meinem Umfeld auf eine gewisse Erfahrung mit diesem Thema haben.

Einmal habe ich gehört, dass mindestens jeder fünfte Mensch einmal ein Burnout, Angstzustände oder Panikattacken hat. Es ist also niemand alleine damit!

Mir ist schon klar, dass es auch eine medikamentöse Unterstützung gibt, mit der es mir wahrscheinlich schneller besser gehen würde, aber auf die kann ich leider nicht zurückgreifen. Darauf genauer einzugehen würde aber den Rahmen sprengen, denn das ist nicht eben mal kurz erklärt.
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Mehr zum Thema

Das Thema hat mich so lange begleitet und ich habe vieles gelernt und Dinge ausprobiert, die mir mal mehr und mal weniger geholfen haben. Aus diesem Thema werde ich eine Reihe machen und mir dafür auch Unterstützung von Leuten aus dem Fach holen. Es erwarten euch Beiträge zu den folgenden Themen:

– Tipps gegen Ängste und Panik, die ich aus Büchern gelernt habe
– Methoden gegen Ängste und Panikattacken
– Erfahrungsberichte
– So findet ihr den idealen Therapeuten für euch
– Sportarten, die bei Angstzuständen und Panikattacken hilfreich sind
– Ernährung bei Nervosität, Stress, Angst und Panik
– die 5 Grundpfeiler, um aus der Krise zu kommen
– Gedankenhygiene
– Was Affirmationen wirklich können
– Home Office: Fluch oder Segen für Menschen mit Panikattacken

Wie steht ihr zu diesem Thema? Kennt ihr jemanden der unter Burnout, Stress, extremer Nervosität, Angstzuständen oder Panikattacken leidet? Leidet ihr vielleicht sogar selbst darunter? Was ist euer persönliches Erste Hilfe Mittel bzw. eure Erste Hilfe Übung? Und was ist eure Meinung zum Thema Therapie?

 

15 Comments

  • Bea sagt:

    Wenn man sich ein Bein bricht, geht man zum Arzt. Oder nicht? Warum nicht, wenn man was mit der Seele hat? Ich weiß nicht, warum das ein Tabuthema ist worüber sich andere lustig machen! Ich habe mich mal komplett testen lassen, auf alles was es so gibt, weil ich echt an mir gezweifelt habe. Ich dachte, ich wäre komplett verrückt. Das Ergebnis (falls es Dich interessiert) war, dass ich die einzige Normale unter lauter Verrückten war. Das hat mich wachgerüttelt.

    Ich war wegen Burn out in einer Klinik. Man darf sich da nicht schämen. Ich bin deswegen sooft belächelt worden. Mir egal.

    Toller Beitrag, meine Liebe. Und großes Lob, dass Du den Mut aufbringst, darüber zu berichten.

    Lieben Gruß, Bea

  • Liebe Tina!

    Ich bin absolut bei dir! Ich finde daran absolut nichts verwerfliches, ganz im Gegenteil. Es ist immer gut, nach Hilfe zu fragen und vor allem sagen zu können „ich brauche Hilfe und hole sie mir“. Das sind nun mal Leute, die darauf spezialisiert sind und genau wissen, wie sie reagieren müssen, um einen helfen zu können. Ich denke auch, dass viel mehr Menschen davon betroffen sind. Von Burnout, über Angstattacken, usw. Aber nur wenige trauen sich leider, offen darüber zu sprechen. Irgendwo auch verständlich, denn es gibt leider immer noch Menschen, die das ins „Lächerliche“ ziehen könnten.

    Von Panikattacken, Depressionen und Burn Out kann ich leider auch ein Lied singen. Panikattacken sind zwar ganz selten noch da – aber ich konnte zumindest mit der Hilfe meines Partners während meiner langen OP- und Krankenzeit den Depressionen noch den Kampf ansagen, bevor es schlimmer wurde.

    Für dich alles Liebe <3

    Lieben Gruß,
    ❤ Alice von https://alicechristina.com

  • Marina sagt:

    Hallo Tina!
    Da hast du ein wichtiges Thema aufgegriffen.
    Auch ich leide unter Unruhezuständen und Nervosität.
    Mir helfen meist Tipps und Affirmationen guter Bücher um auf andere Gedanken zu kommen.
    Und ganz wichtig bei mir, Ablenkung, mit Freunden über banale Dinge reden…
    Es ist gut, daß du drüber schreibst und somit anderen Mut machst sich zu öffnen.
    Ich wünsche dir viel Erfolg dabei!
    Ganz liebe Grüße von Marina

  • Liebe Tina, ich finde es toll das du so offen darüber sprichst. Fällt vielen sicher nicht leicht, dir wahrscheinlich auch nicht. Aber Hut aber vor deinem Mut. Ich kenne viele Leute die unter dem Burnout leiden, besonders viel Stress oder Panikattacken. Da kann ein Therapeut wirklich helfen. Aber schon wenn man Freunde oder Familie hat, wo man gute und intensive Gespräche führen kann, ist es sehr hilfreich. Liebe Grüße, Claudia

  • Sarah sagt:

    Ein toller Beitrag, ich finde es gut, das mal auszusprechen, auch wenn ich selbst nicht betroffen bin. Eine sehr gute Freundin hat im Zusammenhang mit Depressionen und Suizidgedanken im Sommer eine Therapie begonnen, es hat ihr super gut geholfen und sie ist wie ein neuer Mensch. Nur wer redet, dem kann geholfen werden. Ich finde es schrecklich, dass das Thema Therapie immer tabuisiert wird.

    Liebe Grüße

  • ich finde es ganz wunderbar, dass du hier deine Erfahrungen teilst! einen ähnlichen Beitrag wollte ich auch schon längst veröffentlichen – habe aber auch nach mehreren Ansätzen es noch nicht geschafft ;)
    ich mache zwar kein Geheimnis daraus, dass auch ich eine Therapie besuche, aber darüber schreiben ist eben nochmal was anderes …

    liebste Grüße auch,
    ❤ Tina von liebewasist.com
    Liebe was ist auf Instagram

  • Also wenn einem eine Therapie gut tut, gleich in welcher Form, dann spricht ja nichts dagegen, sich in ebendiese zu begeben. Mich hat’s bis jetzt noch nie in die Praxis eine Psychotherapeuten verschlagen, aber das kann auch daran liegen, dass ich eine Zeitlang oft privaten Umgang mit Angehörigen eben jener Berufsgruppe pflegte. Da bekam ich dann einen anderen Blick auf das Ganze.
    Viele Grüße
    Salvia von Liebstöckelschuh

  • Liebe Tina,
    Ich finde das sehr mutig, dass du so offen über dieses Thema sprichst! Auch ich gehe seit fast einem Jahr zur Therapie wegen Panik und Schwindel beim Auto fahren. Bisher war ich jedoch erfolglos und sehr unzufrieden damit, wie es läuft. Dein Beitrag bekräftigt mich, dass wohl einfach die Therapie nicht passt, da ich alle aufgezählten Punkte von dir gar nicht kenne!
    Viele Grüße
    Wioleta von http://www.busymama.de

  • Tanja L. sagt:

    Ich war einmal bei einer Therapeutin nachdem sich meine Eltern getrennt hatten. Geholfen hat sie mir nicht, die hat mich nicht mal ernst genommen. Danach war ich nie wieder da. Ich finde aber auch, man sollte damit viel offener umgehen und vor allem sollte man deshalb auch niemanden als irre oder so abstempeln!

  • Avaganza sagt:

    Liebe Tina,

    Ich bin Psychologin, Coach und Trainerin und weiß wie wichtig es ist sich Unterstützung zu holen. Keine Ahnung warum das bei uns ein Tabuthema ist. Aber nachdem ja die meisten vorgaukeln wie wunderbar, schön und positiv das Leben ist, hat die Realität wenig Platz. Ich war selbst von Burnout betroffen und habe selbst die Kurve gekratzt … nach 3 Hörstürzen sind meine Ohren mein Warnsignal das mir sagt wenn es zu viel wird. Dann nehme ich meine Hanftropfen und schalte einen Gang runter.

    Liebe Grüße
    Verena

  • Ich finde es toll, dass es mittlerweile gute Möglichkeiten gibt, sich Hilfe bzw. Unterstützung zu holen. Das muss auch niemandem peinlich sein, denn schließlich ist ein gutes Therapie-Programm oft Gold wert und kann einen durch stressige Zeiten begleiten bzw. aus verschiedensten Krisen rauslenken.

    Liebe Grüße,
    Verena von whoismocca.com und thepawsometyroleans.com

  • Kann durch eine Therapie auch etwas erzeugt werden, was eigentlich garnicht da ist?
    Oder können nur bestehende Sachen aktiviert werden, da sie vorher nur vergraben waren?

    Viele Grüße, Katja

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